Als Friedensvermittlerin nützt eine konsequent neutrale Schweiz Europa mehr

Kommentar von Hugo Triner, Verleger «Bote der Urschweiz»

Die Frage ist wichtig: Was schützt die Schweiz besser vor einem Krieg – die heutige Neutralität oder eine strengere gemäss Initiative? Ebenso wichtig ist aber: Was kann die Schweiz dazu beitragen, einen Krieg wie jenen in der Ukraine zu beenden?

Eine glaubwürdige Vermittlerrolle kann die Schweiz nur mit konsequent gelebter Neutralität wahrnehmen. Wer eine Kriegspartei verurteilt und sie zugleich mit Sanktionen wirtschaftlich schädigt, wird von ihr kaum als unvoreingenommener Vermittler wahrgenommen. Das widerspricht auch dem alltäglichen Verständnis von Neutralität. Das ist einseitig.

Nicht blind gegenüber Unmenschlichkeit

Neutralität darf nicht bedeuten, vor Unmenschlichkeit die Augen zu verschliessen. Bei einer Vermittlung muss aber das Ziel sein, mit beiden Seiten im Gespräch zu bleiben. Das IKRK ist auch deshalb erfolgreich, weil es keine Kriegspartei öffentlich verurteilt und – nach Aussagen von IKRK-Exponenten – auch mit «Halunken und Schurken» verhandelt, deren Handeln es keineswegs gutheisst.

Die Schweiz ist klein, aber …

Die Schweiz allein kann keinen Krieg beenden. Aber sie verfügt über etwas, das vielen grösseren Staaten fehlt: das IKRK, einen wichtigen UNO-Standort und jahrzehntelange Erfahrung mit Guten Diensten. Warum sollten wir dieses Potenzial nicht stärker nutzen, statt es allein Staaten wie der Türkei, Pakistan oder dem Schwiegersohn Trumps zu überlassen?

Es reicht nicht, bei Bedarf einen Konferenzsaal anzubieten. Die Schweiz müsste eine aktive, konsequent neutrale Rolle übernehmen, etwa Kontakte zu Gegnern und einflussreichen, konsensorientierten Persönlichkeiten herstellen und konkrete Vermittlungsangebote machen.

Brücken statt Blockdenken

In einer polarisierten Welt werden glaubwürdige Vermittler wichtiger denn je. Frieden entsteht nicht nur auf dem Schlachtfeld, sondern auch am Verhandlungstisch. Dafür braucht es Akteure, die von beiden Seiten akzeptiert werden und Konflikte nicht nur in den Kategorien Gut und Böse betrachten.

Auch die EU könnte von einer solchen Schweiz profitieren: als befreundetem Staat, der Gesprächskanäle offenhält, wo EU- und Nato-Staaten kaum Zugang haben. Die Schweiz müsste zugleich sicherstellen, dass sie aus der Nichtteilnahme an Sanktionen keine wirtschaftlichen Sondervorteile zieht.

Diplomatie als Teil der Sicherheit

Die Eskalation im Ukraine-Krieg ängstigt. Die weltweiten Militärausgaben haben Rekordhöhen erreicht und steigen massiv weiter. Aufrüstung allein schafft jedoch keine Sicherheit. Es braucht ebenso Diplomatie und Kompromissbereitschaft.

Eine Schweiz, die sich als aktiver Friedensvermittler mehrfach bewährt, schafft Respekt vor unserer Neutralität. Dies dürfte das Angriffsrisiko reduzieren. Das ersetzt keine Armee. Gerade eine seit rund 200 Jahren erfolgreiche Neutralität sollte aber nicht leichtfertig verwässert werden. Es braucht Mut, sie konsequent zu leben, auch gegen Widerstand. «Eine glaubwürdige Neutralität verlangt Standfestigkeit», sagt der erfahrene frühere Diplomat und Botschafter Paul Widmer.